Der Anfang der Geschichte

   Kilian sah immer wieder zum westlichen Horizont, während er den Flachs aus dem Boden rupfte. Seine Mutter erntete direkt neben ihm und lächelte mit Vorfreude ihren Sohn an. Sie richtete sich aus ihrer gebückten Haltung auf und hielt ihre Hand Schatten spendend über die Augen. - Sie suchte ebenfalls den Raum zwischen den beiden gut hundert Ellen voneinander entfernten Eschen ab. Dort würde ihr Bruder Wenzel erscheinen, wenn er denn kommen würde. Judith nahm aber nur die untergehende Sonne wahr, die genau zwischen den zwei heiligen Bäumen stand, nach denen ihr Dorf Esele vor Urzeiten benannt wurde. Und statt Hufgetrappel war nur das leise und monotone Geräusch vieler rupfender Hände sowie das Abschütteln der Erde zu hören.
   Am Abend des 19. Juli 1236 half das ganze Dorf bei der Flachsernte mit. Die Erntehelfer bildeten eine lange schnurgleiche Reihe, die Elle für Elle den Flachs aus der Erde zog. Kinder sammelten die Stängel ein und brachten sie zu den am Feldrand wartenden kleinen Leiterwagen, vor denen Ochsen gespannt waren. Die Alten führten später die Ochsen zu Urbans Hof und luden die Ernte dort ab.
   Geredet wurde nicht viel. Laut würde es erst werden, wenn der Flachs unter Dach und Fach sein würde. Wenn das Riffeln begann. Erst dann sangen und lachten die Bauern laut, wenn Gott, Wodan oder Odin ihnen den Segen dafür gab. Dass es dafür genug zu Essen und Trinken gab, dafür hatte Urban gesorgt. Urban war Judiths Ehemann und Kilians Vater. Urbans Vater, Auberlin, bereitete währenddessen das Essen vor. Er hatte sich vergebens mit Händen und Füßen dagegen gesträubt, er war schließlich ein stolzer Sachse und kein kochendes Waschweib, fluchte er noch während er das Mahl widerwillig zubereitete. Kein weicher und romhöriger Franke, wie er gerne seinen Sohn schimpfte, der durch seinen Christenglauben die germanischen Gottheiten seiner Väter verriet.

   Judith blieb einen Moment stehen. Sie war im sechsten Monat schwanger und ihr schmerzte der Rücken von der schweren Feldarbeit. Während Kilian weitererntete und sich unbeobachtet fühlte, schaute er seine Mutter an. Sie war erst 28, von der Sonne gebräunt und wunderschön anzusehen. Für ihn war sie die schönste Frau der Welt. Eine Welt allerdings, die für Kilian nicht weiter reichte als bis zum alten Süd-Dorf und das ebenso alte Nord-Dorf. Die ehemaligen Fliehdörfer hatten sich längst zu eigenständigen kleinen Siedlungen entwickelt und hießen nun Suderwick und Erkenswick. Er träumte von der weiten Welt und wollte Ritter werden. Und es gab nur zwei Menschen, die an seinen Traum glaubten, sein Oheim Wenzel und seine Mutter. Nach jeder Schlachtung trennte Judith ein Teil des wertvollen Felles für ihren Sohn ab, das Kilian selber gerbte und trocknete, um es später als Malgrund für seine Ritterbilder verwenden zu können. Wenzel kam viel herum, er konnte Lesen und Schreiben und war der Stadtschreiber von Riclenchusin. - Nachdem der Oheim einmal beobachtet hatte wie Kilian mit einem angekohlten Holzscheit auf einem Stück Leder Ross und Reiter malte, brachte er dem Jungen eines Tages eine Pergamentrolle, den Bims zum Aufrauen des Papiers und einen Silberstift mit. »Damit du deinen Traum noch schöner ausmalen kannst«, sagte ihm Wenzel beim Überreichen des Geschenks. Das war Kilians schönster Tag. Er versteckte seinen Schatz gut und kramte ihn nur dann hervor, wenn sein Vater es nicht sah. Sein gestrenger Vater, der wollte, dass sein Sohn Bauer würde, hätte diese Träumerei des Jungen nie geduldet. Den Wunsch seines Sohnes, Ritter zu werden, nahm er nicht ernst und hatte dafür nur Hohn und Spott übrig. »Überhaupt«, sagte sein Vater in letzter Zeit oft, »wird für dich bald der Ernst des Lebens beginnen.« Kilian würde einen Tag nach der Flachsernte 14 Jahre alt werden, das wusste er. Und dass an diesem Tag etwas Besonderes in seinem Leben passieren sollte. Deswegen beabsichtigte ja auch sein Oheim extra aus der Stadt zu kommen, aber was das genau für ihn bedeutete, wusste er nicht. Er wusste nur, dass für ihn die Stunde der Wahrheit nahte.
   Als es fast dunkel wurde, war der letzte Wagen beladen. Kilian setzte sich auf den Ochsen und schwang sein imaginäres Schwert in Form eines Stockes. Die Nachbarn und Judith lachten über den jungen Ritter, Urban nicht, er biss sich nachdenklich auf die Lippen. ›Soll er den heutigen Tag noch genießen‹, dachte er, ›morgen wirst du erwachsen sein, mein Sohn.‹

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