Veröffentlichungen in der Recklinghäuser Zeitung

Freitag, 07. November 2014 (Dorfleben - Suderwich / Essel)
Brautraub in Ickern

Freitag, 07. November 2014 (Dorfleben - Suderwich / Essel
Als Surk noch Uni-Dorf war ...

Samstag, 06. September 2014 (Dorfleben - Suderewich / Essel)
Dicker Brocken auf Rundtour

Montag, 28. Juli 2014
Als die Glocken schmolzen

Dienstag, 17. Juni 2014
Wer anderen einen Tunnel gräbt ...

Freitag, 06. Juni 2014 (Dorfleben - Suderwich / Essel)
Einfach die Kirche im Dorf lassen

Dienstag, 08. April 2014
"Wild Vest" am Kaninchenberg

Donnerstag, 01. Mai 2014
Wundersame Wiederkehr

 

Brautraub in Ickern

Wie 17 Esseler Reiter im Jahre 1747 auf besondere Weise für ein junges Glück sorgten

Ickern anno 1747. Die 17 jungen Reiter aus Essel schweigen, als sie den Emscher-Fluss erreichen. Jetzt wird die Sache ernst. Der aus östlicher Richtung andauernde Schneesturm macht aus den ohnehin vermummten Gestalten reitende Geister. 


So mag es ausgesehen haben: Reiter im Schneesturm.

Als sie die Furt endlich erreichen, überqueren die nun Gesetzlosen die Emscher, die gleichzeitig die Grenze zwischen Kur Köln und Grafschaft Dortmund ist und reiten im Galopp weiter. Eine junge Frau sieht die Reiter kommen. Sie bemerkt aber auch, dass hinter ihr im Bauernhaus eine Petroleumlampe aufleuchtet und immer heller wird. Eine Hand will die junge Frau zurückhalten, aber die Reiter sind da und Isabella schwingt sich gekonnt auf das ledige Pferd, das ein Reiter für sie am Zügel bereithält. Es fallen Schüsse … doch die Gruppe reitet im Galopp davon, niemand wird verletzt. Der Brautraub ist geglückt.

Es geht hier um die Fehde der Hilbrings und der Schweens.
Die beiden Familien waren befreundet. Einziges Handikap waren die verschiedenen Konfessionen. Während Jost und Mechthilde Hilbring aus Essel katholisch waren, waren ihre Freunde Bernhard und Elsken Schween aus Ickern lutherisch.
Man tolerierte sich gegenseitig und harmonierte prächtig miteinander. Für Spannungen sorgten erst die Kinder beider Familien. Sohnemann Herman Hilbring verliebte sich in Isabella Schween und umgekehrt. Das konnte nicht lange gutgehen, spätestens nicht mehr, als die beiden heiraten wollten.

Der Brautvater konnte Herman gut leiden, aber ein katholischer Schwiegersohn kam für ihn auf keinen Fall in Frage. Das Verhältnis zwischen den Familien kühlte sich spürbar ab. Und so kam es zu dem oben genannten kühnen Streich, den Herman mit 16 Esselern Junggesellen und Freunden durchführte.

Die Ickerner nahmen morgens die Verfolgung der Entführer auf. Vergebens. Weder in Suderwich noch in Essel fand man eine Spur der Braut. Enttäuscht und frustriert ritt der Trupp nach Ickern zurück.

Isabella war nicht nach Essel, sondern nach Oer gebracht worden. Der Pastor war in den Plan eingeweiht worden und versteckte das Paar.
Isabella wurde am 8. April 1747 von der katholischen Kirche aufgenommen und getraut. Bemerkenswert: Der Tag der Trauung lag in der Passionszeit, in der Hochzeiten verboten waren. Die Brautgewinnung war anscheinend für die Kirche so wichtig, dass sie eine Dispens (Befreiung von einem rein kirchlichen Gesetz) aussprach.

Alles wurde gut.
Am 1. Februar 1748 versöhnten sich die Eltern des Ehepaares wieder, dann nämlich als das erste Kind und Hoferbe Johannes geboren wurde. Er bekam später noch fünf Geschwister. Isabellas Ehemann starb am 7. April 1762, nur 44 Jahre alt. Die Witwe erwies sich als stark und tatkräftig. Als eines Tages das Hilbringsche Haus abbrannte, baute sie es unverzüglich wieder auf.



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Als Surk noch Uni-Dorf war ...

Vor 50 Jahren eröffnete die 10. Staatliche Ingenieurschule von NRW ihre Pforten

„Können Sie uns sagen, wo die nächste Wirtschaft ist?“, fragt der junge Mann mit Pilzkopf und schwäbischem Dialekt die Kioskverkäuferin. Hinter ihm stehen drei weitere junge Männer. Allesamt tragen sie ordentliche Trevira-Anzüge, weiße Hemden und Krawatten. Es ist ein Samstagabend, irgendwann in den 60er Jahren. In Suderwich.


Suderwicher Studenten im Jahr 1975: Im Bild sind die Absolventen des Fachbereichs Vermessungswesen zu sehen.

 ... Ehe die Frau auf die Außerirdischen reagieren kann, mischt sich ein Suderwicher Halbstarker mit Nietenhose und Lederjacke ein, der soeben seine Kreidler mit Fuchsschwänzen aufgebockt hat. „Ey Kumpel, inne Vestlandhalle spielen heut Abend die Dakotas, daa is watt los, da müsster hin.“ Die Vier verstehen kein Wort, zwei Kulturen treffen aufeinander …

Vielleicht war es anfangs ein kleiner Kulturschock, den die Suderwicher seiner Zeit über sich ergehen lassen mussten. Doch die neue Fachhochschule Bochum, Außenstelle Recklinghausen-Suderwich brachte nicht nur Leben ins Dorf, die Unterbringung der Studenten im Dorf kurbelte auch die hiesige Wirtschaft an.

Doch wie kam es dazu und warum ging die schöne Zeit nach 15 Jahren Uni-Dorf Suderwich zu Ende?
Es fing alles am 15. Oktober 1964 an. Nach der 65jährigen Suderwicher Bergbaugeschichte standen Gebäude leer, die neu genutzt werden wollten.
Die neugegründete 10. Staatliche Ingenieurschule von Nordrhein Westfalen übernahmen das Verwaltungsgebäude und die Lohnhalle von König Ludwig VII/VIII. Mit 28 Studenten in der Abteilung Bauwesen wurde der Lehrbetrieb eröffnet.

Ein Jahr später kam die Abteilung für Vermessungswesen mit 40 Studenten dazu. 1966 wurde die Schule um 30 Studenten des Fachbereiches Architektur ergänzt. Ihren Unterricht erhielten die Studenten in 16 provisorisch errichteten Pavillonklassen. Bis 1970 hoffte man auf einen Neubau, der am Graveloher Weg/Frankenweg errichtet werden sollte. Der Wunschtraum wurde nicht erfüllt, die 20 Millionen Mark waren dann wohl doch zu viel des guten.

1971 wurden die ersten Pläne geschmiedet die Außenstelle RE-Suderwich zur Uni in Bochum zu verlegen. Zu dieser Zeit waren bereits 700 Studenten eingeschrieben, 500 hatten bis dahin die Hochschule als graduierte Ingenieure verlassen. Den Lehrkörper bildeten mittlerweile 36 Professoren. Das Laboratorium der Hochschule wurde ständig erweitert. Das Prunkstück allerdings war eine Baustoffpresse, die einen Druck von 300 Tonnen aufbauen konnte, so eine gab es nur noch in Essen, Dortmund und München.

Studenten aus aller Welt kamen  und Suderwich entwickelte sich zu einem multikulturellen Ort. Die Kontakte zwischen Studenten und Suderwichern waren erwünscht und wurden gefördert.

1976 präsentierten 28 Architekturstudenten unter Professor Dipl.-Ing. W. Hauff eine Ausstellung, die eine zukünftige Gestaltung des Alten Kirchplatzes zum Inhalt hatte. Es wurden Bürgerbefragungen durchgeführt, um die Interessen der Suderwicher mit in die Pläne einzubeziehen.

Die Kirchen erkannten das soziale Potential und setzten für beide Konfessionen Studentenpfarrer ein, die einen gemeinsamen Treffpunkt für Studenten, unter dem  Namen „Shalom“, unterhielten. Außerdem gab es noch die Katholische Burschenschafft St. Suitbert, die in der Gaststätte Breuckmann verkehrte.
Als man am 1. Oktober 1979 die Fachhochschule nach Bochum-Querenburg verlegte, waren jetzt in Suderwich über 800 Studenten eingeschrieben, 1234 wurden als Ingenieure entlassen. Die Professoren trennten sich nur sehr ungerne von ihren Gastgebern, die Suderwicher fühlten genauso.



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Dicker Brocken auf Rundtour

Er ist groß, aber er ist auch unscheinbar: An der Sachsenstraße, Ecke Lülfstraße, liegt ein Findling der aus gelbem Granit besteht und seit 1937 Denkmalschutz genießt. Besitzerin ist die Stadt Recklinghausen. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man eine Bronzetafel. Die eingravierte Inschrift lautet: "An diesem als Tigsteen bekannten Findling wurden bis 1846 Gemeindeberatungen abgehalten."



Ein wirklich dickes Ding: Der sogenannte
Tigsteen ist schon seit Menschengedenken in
Suderwich.


Ursprünglich lag der Stein an dem gegenüberliegenden ebenfalls denkmalgeschützten Fachwerkhaus. Das Haus wurde damals von den Suderwichern nach der Familie Tig Tighaus beim Tigsteen genannt. Der Stein galt als Verkehrshindernis und wurde 1927 auf die andere Straßenseite gelegt. Hier stellte Bauer Deitermann dem Findling zu Ehren ein Holzkreuz auf, das im Laufe der Zeit der Verwitterung zum Opfer fiel. Der Stein lag nun alleine und unbeachtet an der Sachsenstraße herum. Ab 1975 kümmerte sich der Suderwicher Verkehrsverein um den Tigsteen. Schließlich fand der Verein 1976 am Stresemannplatz einen geeigneten Ort. Mit der Absegnung durch Heimatforscher Alfons Verstege, ob denn die Anbringung einer Bronzetafel an einem naturgeschützten Findling überhaupt gestattet sei, bekam der Stein 1977 sein Namensschild. 1986 wurde er zum neugestalteten Alten Kirchplatz verlegt, um schließlich wieder an seinem zweiten Standort zu gelangen, an der Sachsenstraße/Ecke Lülfstraße.

Dr. Dorider erwähnt den Stein nur kurz

Die Vermutung liegt nahe, dass der Stein seinen Namen vor der Familie Tig hatte und ein Thing-Stein war. Stadtarchivar Dr. Dorider spricht in seinem Buch „Geschichte der Stadt Recklinghausen“ aus dem Jahr 1955 ebenfalls von einem „Suderwicher Thingstein“, leider erwähnt er den 80 x 70 x 60 cm großen Findling nur kurz und geht nicht weiter auf ihn ein. Davon, dass die Geschichte von Suderwich und das noch ältere Essel weit in die Germanenzeit zurückreichen, kann man sicher ausgehen. Die Dörfer Essel, Erkenschwick (Nord Dorf), Suderwich (Süd Dorf) gehörten in früheren Zeiten eng zusammen und hatten einen gemeinsamen Thingplatz, der wahrscheinlich am Ossenberg (Ossen = Götter) lag. Doch es ist durchaus möglich, dass die jeweiligen Dörfer ihre eigenen Thingplätze hatten, um ihre dorfeigenen Angelegenheiten zu klären. Der Spaziergänger, der auf den Tigsteen trifft, darf hier seiner Fantasie freien Lauf lassen. Um Ihre Fantasie anzuregen, möchten wir die Worte des Suderwicher Lehrers Heinrich Schröder zitieren, die er für eine Festschrift von 1954 verfasst hatte:
 „Mitten im Dorf liegt aus grauer Urzeit ein Stein, der bei uns der Tigsteen genannt wird. Hier trafen sich unsere Vorfahren und opferten dem Gott der Saaten und des Ackerbaues, hielten ihren Thing ab und entschieden als freie Germanen über Krieg und Frieden und fällten Urteil über solche, die sich schuldig gemacht hatten. Hier war die Kult- und Gottesstätte, wo ein Druide den Willen der Götter durch Werfen der Runen und durch Opfer erforschte und deren Zorn zu besänftigen versuchte. Auf diesem Stein wird auch der hl. Suitbert, der Apostel der Brukterer, gestanden und ihn als Kanzel benutzend damals das Wort und Evangelium unseres göttlichen Meisters verkündigt haben …“





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Als die Glocken schmolzen

Der große Brand vernichtete vor 514 Jahren die halbe Stadt

Recklinghausen. Samstag, 4. April 1500. Die Winter werden von Jahr zu Jahr immer länger und kälter. Dass eine kleine Eiszeit in Europa herrscht, wissen die Leute nicht. Auch dieser Tag ist bitterkalt. Niemand vermutet, dass es heute noch sehr heiß werden wird und die Leute den heiligen Florian anbeten werden.



Hilfe naht: Beim großen Stadtbrand vom 4.April 1500 eilen auch Bürger aus den Nachbardörfern mit Löscheimern nach Recklinghausen. Das Feuer breitet sich bei starkem Wind immer weiter aus.


Die Bürger kennen jeden Glockenklang, der vom Turm der Petruskirche zu ihnen herunter schallt. Die meisten glauben, dass der Türmer Hinrich Piper ein ganzes Sortiment von ihnen besitzt.

Doch der Turmwächter besitzt nur eine einzige Glocke, die Schöffenglocke. Mit ihr schlägt er jeweils den richtigen Ton an, für die volle Stunde bläst er ins Wachthorn. Die Glocke läutet, wann sich der Rat versammeln soll, oder sie ruft die Bürger zu ihren Pflichten für Arbeits- und Wachdienst auf. Bei Zank und Hader läutet sie deutlich heftiger. Dann müssen die Bürger eingreifen. Zur Not mit Waffengewalt. Die größte Angst haben die Bürger jedoch vor der Brand- oder Sturmglocke.
An diesem Tag lässt der Türmer die Schöffenglocke im festgelegten Rhythmus „beiern“. Für die Recklinghäuser ist das die Feuerglocke. Wir lassen Hans Reckmann erzählen, er ist ein Lübecker Chronist, der das große Feuer in Recklinghausen als Sechsjähriger miterlebt hat:

[…] Hinrich Piper, so als Wächter auf dem Turme St. Petri saß, zog also die Brandglocke, daß sie ganz erbärmlich über die Häuser dahinschallete […]
— Man wusste, wie groß die Gefahr eines Stadtbrandes war, denn jede Generation hatte bis dahin mindestens einen erlebt.
Alle 16 Nachbarschaften Recklinghausens verfügten über einen Zuber, der ständig mit Wasser gefüllt sein musste. Jede Nachbarschaft hatte einen Bürgermeister, der von Jahr zu Jahr innerhalb dieser Nachbarschaft wechselte, dieser musste auch für die Instandhaltung des Nachbarschaftsbrunnen sorgen.
Jedes Haus musste mindestens einen Ledereimer besitzen, jeder Neubürger war verpflichtet der Stadt einen Eimer zu spenden. Die Stadt verfügte über zwei Feuermeister, die aus den Stadträten gewählt wurden. Sie machten jährlich Inspektionen (Feuerschauen) und überprüften dabei das Vorhanden- und Dichtsein der Löscheimer.
Im Ernstfall gaben sie die Kommandos und teilten Löschtrupps ein. Die eifrigen Feuerbekämpfer wurden von der Stadt mit Geld belohnt, besonders wenn sie dabei verletzt wurden, über Drückeberger wurde nicht nur Buch geführt, sie wurden anschließend mit Geldbußen bestraft. Auf dem Kirchhof befand sich ein Schuppen mit Ledereimern, Brandleitern und Brandhaken. —

[…] Meine Mutter hatte mich schnell heimgeholt und ins Haus gesteckt, sollte nit lange darinnen bleiben, da brannte es auch. Habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie meiner lieben Mutter die Kleider auf dem Leibe brannten, also daß es ihr beinahe das Leben gekostet hätte […]

»FEURIO, FEURIO!«, gellen die Schreie durch die Gassen. Eiligst wird das brüllende Vieh aus den Ställen gezerrt und in Sicherheit gebracht. Chaos greift um sich. Das Feuer breitet sich rasant aus.

Im Norden am Martinitor ist das Feuer ausgebrochen, begünstigt durch heftigen Südwestwind findet es nach Osten und Westen reichlich Nahrung. Die Häuser sind mit Stroh bedeckt und stehen dicht beieinander. Vom Türmer ist bald nichts mehr zu hören, schnell haben die Flammen die Kirche erreicht, die nun lichterloh brennt.

[…]Aus dem Turm St. Petri schlugen die hellen Flammen heraus, also daß die Glocken schier schmolzen und als gewaltige Klumpen mit entsetzlichem Krachen in die Tiefe stürzten. […]


Mittlerweile sind aus allen Nachbardörfern Helfer eingetroffen.

[…] In den Straßen haben in zwei langen Reihen die Bürger gestanden, hat einer dem anderen den Ledereimer zugeschwenket und hat der Zug bis an die Teiche gereichet, so vor der Konnebergsporten liegen. Haben an den Häusern hohe Leitern gestanden, von da die Männer das Wasser in die Flammen schütteten. Hat aber alles nit viel geholfen. […]

Mit den Brandhaken reißen die Leute Häuser ein, damit die andere Hälfte der Stadt vom Feuer verschont bleibt. Es dauert nicht lange, da sind die ersten Plünderer vor Ort.

[…] Hatten sich auch etliche Diebe eingeschlichen, wurden aber bald abgeführet. […]


Das Feuer zerstört 350 Häuser, Teilabschnitte der Mauer, etliche Türme, drei Stadttore, die Lateinschule, die Kirche und das Rathaus am Markt. — Von der Anzahl der Opfer berichtet unser Chronist nicht, außer von einem der beiden Bürgermeister, Johann Uhlenbrock, der in der Schule von einem herabstürzenden Balken erschlagen wird.

Jeder zweite Bürger wurde obdachlos

Weit über 1000 Menschen werden über Nacht obdachlos, sie wohnen fortan in Zelten vor dem Viehtor. Die meisten von ihnen verlieren ihr Hab und Gut, so wie Hans Reckmann und seine Familie, sie sehen in Recklinghausen keine Zukunft mehr und wandern aus.

INFO
In Recklinghausen gab es fünf Großbrände: 1247, 1469, 1500, 1607 und 1686. Nächstenliebe wurde damals großgeschrieben, aus vielen Städten kam Hilfe, speziell in Form von Lebensmitteln. Dortmund schickte am 6. April 1500 nebst eines herzlichen Begleitbriefes zwei Fass Bier, für fünf Mark Brot (ca.700 Laibe), zwei Tonnen Heringe, vier Strohkörbe mit Bücklingen und drei Körbe mit Feigen. An der Zusammenstellung fällt auf, dass Fastenzeit war, sie wurde scheinbar auch in größter Not eingehalten.
Folgenden Orten stand Recklinghausen nach Großbränden mit Spenden bei: Bochum 1494 und 1517, Lünen 1513, Flaesheim 1525, Herten 1530, Datteln 1539, Horneburg 1552, Essen 1559, Waltrop 1561, Westerholt 1582 und Lüdinghausen 1619.



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Wer anderen einen Tunnel gräbt ...

Historische Verschwörung: Zwischen Stadtmauer und Kellerstraße gab es einen geheimen unterirdischen Gang


Altstadt. Auch Recklinghausen hatte in der Vergangenheit als Bewohner nicht nur die reinsten Engel, wie die nachfolgende Geschichte beweist. Dabei schildern wir Ihnen einen Fall von besonderem Geschick. Denn einen unterirdischen Tunnel muss man erst einmal (fast) völlig unbemerkt bauen.




Der Tunnel wird entdeckt.


Recklinghausen im Jahre 1345. Fast 50 Jahre schon sind die Recklinghäuser Bürger Schnapphähnen (Raubrittern) und anderem Räubergesindel ausgesetzt.
Nachdem sich der Erzbischof Konrad von Hochstaden zu sehr in die Reichspolitik eingemischt hatte, wurde die Stadt im Jahre 1296 acht Wochen lang von verschiedenen Armeen belagert.

Auf dem Westerholter Weg wehte das Banner des Herzogs von Brabant, sowie die Banner des Grafen Eberhard von der Mark, Adolf von Berg, Gerhard von Jülich, Herrn Walram von Falkenburg und sogar das Banner der Stadt Köln, deren Bürger noch eine Rechnung mit diesem Kurfürsten offen hatten. Der Kurfürst war während dieser Belagerung allerdings nie anwesend.
Schließlich ergaben sich die Recklinghäuser, was ihnen später schwere Vorwürfe einbrachte. Die komplette Wehranlage wurde zerstört und die Gräben zugeschüttet. Seitdem ist die Stadt schutzlos.

Das nutzt der Graf Adolf von der Mark 1344 schamlos aus. Der Kurfürst von Köln heißt nun Walram von Jülich, er trägt mit dem Grafen von der Mark eine Fehde aus. Walram ist gleichzeitig der Herzog von Westfalen, und nicht nur die Märker fühlen sich durch den mächtigen Kurfürsten bedroht. Nachdem Adolf von den anderen, sich bedroht fühlenden, Fürsten Unterstützung versprochen bekommt, schickt er den Fehdebrief an den Kurfürsten.
Als erstes greift der Ritterverband Menden an, scheitert dann aber an der starken Befestigung der kurkölnischen Stadt. Graf Adolf bietet einen Waffenstillstand an, der auch von allen Beteiligten unterzeichnet wird, doch derselbe Graf bricht ihn ein paar Tage später wieder, indem er Menden in der Nacht erobert. Die Bürger wähnten sich schließlich durch den Waffenstillstand in Sicherheit.  

Um die lästige Flankenstellung des Erzstiftes loszuwerden und um sein Regierungsgebiet nach Norden hin zu vergrößern, schnappt sich Graf Adolf auch noch Recklinghausen.
Durch den unritterlichen Vertragsbruch des Grafen, bekommt nun der Kurfürst ebenfalls Verstärkung und Recklinghausen wird wieder schnell befreit.

Nun wird die Stadt im Eiltempo befestigt. Eine zweispurige Straße wird zum Stimberg gebaut, um die Steine ungehindert zu transportieren, die auf dem Stimberg gebrochen werden. Aus dem gesamten Kurfürstentum werden Spanndienste (Wagen mit Pferd und Kutscher) sowie Arbeiter rekrutiert. Bis das Festungswerk mit allen Toren, Türmen und Gräben fertig wird, sollten allerdings noch zwanzig Jahre vergehen, doch der Rohbau steht.
Die neue Stadt wird im Durchmesser 100 Meter größer gebaut, um auch die Häuser mit einzuschließen, die im Laufe der letzten 50 Jahre dazugekommen sind.

Ein Haus, das direkt an der neuen Mauer steht, wird jedoch von einem Verräter bewohnt.
Während die anderen Bürger mit an der Festung bauen, gräbt dieser Maulwurf mit seinen Helfershelfern einen unterirdischen Gang.
— Sein Nachname ist noch bekannt, er hieß Schule. Ob er selber ein Märkischer oder ein bestochener Recklinghäuser war, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich wäre die ganze Geschichte in Vergessenheit geraten, denn niemand hätte für einen Verräter auch nur einen Tropfen Tinte vergeudet. — Mit dem Tunnel will er dem Grafen einen Zugang zur Stadt ermöglichen, die dieser dann von innen her erobern kann. — Wie groß musste die Schmach für den ohnehin schon verschuldeten Erzbischof gewesen sein, wenn diese teure  wehrhafte Riesenburg gegen ihn selber gerichtet worden wäre. Das Unternehmen misslingt, der Tunnel wird entdeckt.
Es soll ein ganzes Gangsystem gewesen sein, das während des Mauerbaus parallel gegraben wurde. Die Beiseiteschaffung der Erde und des Lehms ist auf der riesigen Baustelle natürlich niemanden aufgefallen.

Nach der Entdeckung, vielleicht durch Verrat, soll es in dem Tunnel einen Kampf gegeben haben, bei dem es Tote gab. Was mit den Verrätern geschah, ist nicht überliefert. 

Der Graf erfährt sehr schnell von seinem missglückten Plan und orientiert sich um. Drei Tage später will er einen Überraschungsangriff auf Recklinghausen inszenieren. Auch dieser Plan misslingt (laut einer Erzählung von Stadtarchivar Dr. Pennings wurde der Überraschungsangriff von Geckentönis, dem Burgnarr auf Burg Strünkede, verraten). So kommt es zur Schlacht an der Marpe, die zugunsten der kurkölnischen Ritter verläuft. Der Friedensvertrag, der danach besiegelt wird, ist mit vielen Demütigungen gegen den Grafen Adolf von der Mark verbunden.

INFO
An der Kellerstraße, die tatsächlich nach einem Keller benannt wurde, stand die sogenannte Eulenburg. Eine Art historisches Einkaufzentrum mit Wohnhaus, Brauhaus, Backhaus und Holzhandel.
An derselben Stelle standen hier früher 11 Bürgerhäuser. Lange vor dem Abriss der Eulenburg (1968) fand man den unterirdischen Gang, der in Richtung Engelsburg verlief. Eine gründliche Untersuchung war wegen seiner Baufälligkeit nicht möglich gewesen.
Durch diesen Tunnelausgang und die Schulenjahreszeit, eine Prozession, die man seinerzeit stiftete, ist die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten. Diese Prozession fand bis 1895 statt und wurde dann mit der Fronleichnamsprozession zusammengelegt.
Weil die Leute durch die Engelsburg mussten, um an die Stelle zu gelangen, an der sich das Haus des Verräters Schule und nun ein Altar befand, nannte man sie ab dem 18. Jahrhundert auch Dukatenprozession, doch das ist wieder eine Geschichte für sich.




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Einfach die Kirche im Dorf lassen

Historisches: Nicht jeder weiß, was aus dem alten
St - Johannes-Gotteshaus geworden ist

Die Kirche im Dorf lassen - den Spruch kennt jeder, aber in Suderwich wird er gelebt. Denn die Überreste der 1907 abgerissenen alten St. - Johannes-Kirche sieht man zwar längst nicht mehr, aber sie sind noch da. Damit wurde die Kirche gewissermaßen im Dorf gelassen, auch wenn so manch einer rätseln dürfte: Ja, wo denn?

Die Grundfläche der alten Kirche kann man mitten im Dorfkern auf dem „Alten Kirchplatz“ betrachten, dort hat man die Pflastersteine so verlegt, dass man den Umriss der Kirche gut erkennen kann.

Ab 1250 hat hier eine kleine Holzkirche gestanden, die Johannes dem Täufer geweiht wurde. Sie brannte 1441 ab, und die Suderwicher beschlossen, ein größeres Gotteshaus zu bauen. Diesmal aus Stein.
Die Sandsteine für den Bau wurden vom Stimberg in der Haard geholt.

1513 wurde vor Ort die Glocke gegossen die ebenfalls den Namen St. – Johannes bekam. Sie wurde 1904 in den Turm der neueren St. – Johannes – Kirche überführt und ist mit ihren 501 Jahren, nach einer Glocke in der Recklinghäuser  Petruskirche, die zweitälteste Glocke im Vest.

1626, mitten im 30jährigen Krieg, bauten die Suderwicher den Kirchturm. Trotz der ärmlichen Ausstattung der Kirche (der Abendmahlskelch z.B. war nur aus Zinn) wurde sie 1672 von französischen Soldaten des Marschalls Turenne ausgeplündert.

Während der Turm recht stabil war, ist das Kirchenschiff um 1820 baufällig geworden. Man entschied sich ein neues Langschiff zu bauen, vorher musste jedoch das alte Kirchenschiff abgerissen werden.
Nach dem Tagebuch von Pfarrer Heinrich Tillmann war der Abriss recht abenteuerlich. Nach Abtragen des morschen Gebälks, drohten die Mauern einzustürzen. Im Fundament wurden Gräber gefunden, dessen erhaltene Särge neu beerdigt werden mussten. Man brachte sie zum neuen Friedhof auf dem Esseler Knapp.
Der im romanischen Stil erbaute Neubau mit 200 Sitzplätzen war nun 10 Meter 20 breit und 19 Meter 63 lang und hatte 4623 Taler, 11 Silbergroschen und 2 Pfennige gekostet. Ein paar Steine für die neue Kirche wurden in den Baumbergen gebrochen, die meisten stammten jedoch von einem beachtlichen Teil der Recklinghäuser Stadtmauer, die von den Suderwichern angekauft wurden.
Diese Kirche diente 85 Jahre nicht nur den Einwohnern von Suderwich, sondern auch denen von Essel und Röllinghausen, die diese Kirche der Mutterkirche St.- Peter vorzogen.
Durch den Bergbau explodierte die Einwohnerzahl von Suderwich nach oben. Die Zechenindustrie brauchte Land für Zechenhäuser, dadurch verdiente die Kirche nicht schlecht, sodass sie bald eine neue und viel größere Johannes Kirche bauen konnte. Doch was passierte mit der alten?
 



Ein ungewohnter Anblick: Wo bis 1907 die alte St.-
Johannes-Kirche stand, befindet sich heute - logischer-
weise - der Alte Kirchplatz.

Wenn in ferner Zukunft Archäologen am Anfang des Frankenwegs Ausgrabungen vornehmen sollten, würden sie nicht schlecht staunen über das, was sie dort fänden. Steine der Recklinghäuser Stadtmauer würden sie finden. Durch spätere Puzzlearbeiten würden sie noch feststellen, dass hier eine ganze Kirche begraben liegt, gebaut aus jenen Steinen, die einst zum Teil die Stadt umrundeten.

Die Suderwicher haben tatsächlich die alte Kirche im Dorf gelassen, nachdem sie 1907 abgerissen wurde. Der Frankenweg war seinerzeit noch ein Hohlweg, dessen unterer Teil mit dem Bauschutt der altehrwürdigen Kirche aufgefüllt wurde.



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Wild Vest am Kaninchenberg

1924 wurde Oer beinahe zu einem Stadtteil von Recklinghausen


RECKLINGHAUSEN.
Kennen Sie Recklinghausen-Oer? Natürlich nicht, denn Oer gehört eindeutig zu Erkenschwick. Doch vor genau 90 Jahren hätte alles auch ganz anders kommen können.


Wir schreiben das Jahr 1924. Die Ruhrbesetzung geht zu Ende. Nach der Hyperinflation und der Währungsreform von 1923 sieht man wieder etwas Licht am Ende des Tunnels. Dank der Rentenmark können die Goldenen 20er Jahre kommen. Kunst, Wissenschaft und Kultur fangen an zu blühen. Auch die Stadt Recklinghausen ist so eine Knospe. Es sollte aufwärts gehen! Eigentlich. Doch jetzt geht erst einmal ein Streit weiter, der seinen Anfang im Jahre 1921 hatte. Während der Ruhrbesetzung hielt man gegen den „Franzmann“, wie es sich für richtige Ruhrgebietsmenschen gehört, zusammen. Der Streit wurde solange auf Eis gelegt, vergessen wurde er nicht.

Wie in alten parteiischen sowie unparteiischen Blättern von damals zu lesen ist, tobte im Vest  seit 1921 ein Eingemeindungskrieg.
Mit dem Bergbau und der dazugehörigen Industrie war eine Umstrukturierung des Vestes unumgänglich geworden. Neue Städte, die sich selbst verwalten sollten, wurden gegründet. Das Amt Recklinghausen sollte aufgelöst werden, seitdem stritt man sich hauptsächlich um kleine Ortschaften wie Erkenschwick, Oer und Hochlarmark etc. Das letztgenannte wurde übrigens von Recklinghausen und Herten beansprucht.

Es ist der Landrat Dr. Erich Klausener, der für die Umstrukturierung verantwortlich ist.
Er und Oberbürgermeister Hamm sind sich spinnefeind. Nicht selten schlägt sich Klausener auf die Seite der „Kleinen“. Der Landrat des Vestes ist ein engagierter Kirchenpolitiker und hat den Beinamen „roter- oder sozialer -Landrat“, was eher auf sein christlich-soziales Engagement hindeutet, statt auf eine linke Gesinnung. Der ehemalige Landrat von Adenau ist allerdings ein wichtiges Mitglied der Zentrumspartei, der eher eine schwarze Farbe anhaftet.

Datteln will, genauso wie Recklinghausen, Oer haben, Rapen besitzt Datteln schließlich schon, Erkenschwick scheint den Dattelnern sicher.
Es fließt viel Schnaps und Bier in diesem Krieg, jeder versucht den anderen mit Versprechungen zu überzeugen. Parteien nutzen den Streit, um ihre Programme zu gestalten. Ständig werden neue Denkschriften verfasst und verteilt. Manch alte Freunde wechseln die Straßenseite, wenn sie sich sehen. Die Stimmung ist sehr gereizt. Von Annexionen ist oft die Rede. Der Streit setzt sich auf Versammlungen und an Stammtischen fort.

Schließlich soll eine Delegation aus Berlin für Frieden sorgen. Es dauert nicht lange, da wimmelt das ländliche Vest von Herren in Frack und Zylinder. Noch nie hat man so viele Kraftdroschken auf einmal gesehen, es ging ja nicht nur um Oer, man stritt, wie gesagt, auch um einige andere Eingemeindungen.

Der Gemeindevorsteher von Oer, ein gewisser Herr Brinkmann, versucht seine Mitbürger auf seine Seite zu kriegen, er will mit Erkenschwick fusionieren.
Landrat Klausener und OB Hamm geben sich bei ihm die Klinke in die Hand. Doch Brinkmann hat sich längst für Erkenschwick entschieden.
Die Oerer selbst sind zwiegespalten, die einen erwarten ein höheres Ansehen, wenn sie von Recklinghausen eingemeindet werden, die anderen glauben, dass sie Randfiguren werden und dass deswegen die Instandhaltungen von Schulen und Straßen vernachlässigt werden könnten.
Schließlich hat Brinkmann noch ein Ass im Ärmel: „In Recklinghausen besteht der Schlachthofzwang!“

( In der Weimarer Republik war es durchaus üblich, dass Städte diesen Schlachthofzwang verordneten, Die Leute, egal ob es Bauern waren oder nicht, mussten ihre Tiere zum städtischen Schlachthof bringen, danach durften sie nach entrichten einer gewissen Gebühr das Fleisch abholen. Diese Auflagen wurden in den meisten Fällen gegen Ende des 19ten Jahrhunderts verordnet.)

 Das Argument zieht. Wenn auch die Mehrzahl der Oerer keine Bauern sind, haben doch selbst die meisten Arbeiter mindestens ein oder zwei Schweine in ihren Ställen stehen.

Schließlich kommt es zur Ortsbesichtigung, Abgeordnete des Preußischen Landtages treffen sich zusammen mit Ortsvorsteher Brinkmann, OB Hamm und Landrat Dr. Klausener an der Dortmunder Straße. Diesen Ort hat Oberbürgermeister Hamm vorgeschlagen, Brinkmann hat jedoch den Kaninchenberg in Oer vorgeschlagen.

Um bloß nicht auch darüber einen Streit aufkommen zu lassen, beschließt man, beide Orte aufzusuchen. Auf der Dortmunder Straße kassiert Hamm Pluspunkte, die Anbindung an Oer gefällt den Abgeordneten. Danach fährt die Versammlung nach Erkenschwick, um zu Mittag zu essen. Der Landrat nimmt den Gemeindevertreter von Oer in seinem Auto mit, Brinkmann selber besitzt keine Kraftdroschke.

Beim Mittagessen wird lautstark diskutiert, die Örtlichkeit des Mittagessens ist Programm, hier im Saal der Gaststätte Welter (heute Woolworth) trainiert sonst der Ring- und Stemmclub Siegfried. Klausener und Brinkmann verlassen zuletzt die Gaststätte, sie werden in ein Gespräch verwickelt, während sich die Besichtigungskommission und OB Hamm auf den Weg zum Kaninchenberg machen.

Als sie zum Auto gehen, staunen sie nicht schlecht. Alle Autoreifen des Landrats sind zerstochen. Die Erkenschwicker können den beiden schnell ein Ersatzfahrzeug organisieren und sie kommen noch rechtzeitig am Kaninchenberg an.
Die Reifengeschichte spricht sich schnell rum, die Abgeordneten sind darüber sehr pikiert. Punkteabzug für Recklinghausen.
Erkenschwicker Mitkämpfer und Oerer machen sich nun über die Recklinghäuser lustig, es gibt mal wieder Zank. Die Delegation droht mit Abreise, danach beruhigen sich die Kontrahenten wieder.

Dann der Ausblick: Von der Stadt Recklinghausen ist von dem 78 Meter hohen Kaninchenberg nichts zu sehen, nur Felder, soweit man blickt. Doch der Förderturm in Erkenschwick scheint in greifbarer Nähe zu stehen! Oer gewinnt die Schlacht am Kaninchenberg, die als solche in die Geschichte eingehen wird. Der Wild Vest Film geht hiermit zu Ende. Die Vorentscheidung ist gefallen, mit preußischem Segen wird 1926 aus den beiden kleinen Gemeinden die Stadt Oer-Erkenschwick werden.

 

Info
Dr. Erich Klausener wurde im November des Jahres 1924 Ministerialdirektor im preußischen Wohlfahrtsministerium. 1926 wechselte er zum preußischen Innenministerium, dort übernahm er die Leitung der Polizeiabteilung.

Er blieb stets ein Kirchenpolitiker.
Am 24. Juni 1934 hielt der 49 jährige im Berliner Hoppegarten vor 60.000 Menschen eine Rede. Die Rede ist nicht erhalten geblieben. Auf einer Karte, die er seiner Mutter schickte, schrieb er, dass es in der Rede ausschließlich um Liebe und Frieden ging. Den Nazis war sie scheinbar zu „gefährlich“.
Am 30. Juni, nur sechs Tage nach seiner Rede, wurde Klausener auf Befehl des Leiters der Gestapo, Reinhard Heydrich, ermordet. Es war nicht der einzige Mord an diesem Tag. Am Tag des Röhm-Putsches, auch die „Nacht der langen Messer“ genannt, starben ca. 200 Personen, die den Nazis unbequem waren.


Dr. Erich Klausener

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Wundersame Wiederkehr

Stadtgeschichte: An den Überresten des Quadenturms kann man heute noch vorbeischlendern

Recklinghausen. Dies ist die Geschichte eines Bauwerks, das einige Jahrhunderte lang eines der Wahrzeichen von Recklinghausen gelten durfte. Zwar gibt es keine Zeitzeugen mehr, die den sogenannten Quadenturm selbst noch in Augenschein nehmen durften, aber was die wenigsten wissen: Man kann heute noch an einem Teil seiner Überreste vorbeigehen, und zwar genau dort, wo er früher einmal gestanden hat - am Herzogswall.

Wenn es um das Aussehen des Quadenturms geht, sind sich die Historiker uneins.
Wie sah der Quadenturm am Herzogswall wirklich aus? Der Gefängnisturm soll im Gegensatz zu den anderen Türmen vier kleinere Türmchen an der Turmspitze besessen haben.


  
Hier sind die Türmchen deutlich erkennbar.


Wenn man sich den Kupferstich von Wenzel Hollar aus dem Jahre 1643 ansieht, erkennt man sie deutlich. Natürlich könnten diese Türmchen auch im Verlaufe der Zeit Kanonenkugeln zum Opfer gefallen sein.
Der Bischof, so hieß der Gefängnisturm in Höhe der Schaumburgstraße, fällt ebenfalls durch eine eigene Bauweise auf. Statt eines Helmes, befindet sich ein Fachwerkbau auf ihm.
Der Quadenturm muss auf jeden Fall anders ausgesehen haben, als ihn Clemens Wolter gemalt hatte, die Proportionen stimmen auf keinen Fall mit der Originalgröße des Turms überein. Wenn die abgebildete Person auf dem Bild eine Größe von etwa 1,60 Meter hatte, wäre der abgebildete Turm ca. 12,80 Meter hoch und vier Meter breit.

Der Turm war aber der Größte der Wehranlage, er hatte eine Höhe von 22 Meter und einen Durchmesser von 8 Meter, das weiß man noch von ihm.
Clemens Wolter wurde 1875 geboren und dürfte den Turm nicht mehr gekannt haben.
Wie dem auch sei, der Turm machte 1861 Schlagzeilen. Die Reparaturkosten beliefen sich seinerzeit auf 130 Reichstaler, das konnte oder wollte die Stadt nicht aufbringen, der Turm sollte abgerissen und seine Steine verkauft werden.
Heimatbewusste Bürger wollten den Turm retten und reichten Vorschläge ein, wie man das damals 500 Jahre alte Baudenkmal anderweitig nutzen könnte.
Diese Vorschläge waren zum Teil grotesk, wollten doch manche Recklinghäuser aus ihm tatsächlich wieder ein Gefängnis machen. Die Zeit, als der Turm als dunkles Verlies diente, war auch 1861 lange vorbei.
Den Turm nutzte zuletzt der Kaufmann Banniza, um sein Schießpulver dort unterzubringen. Jemand schlug vor, aus dem Turm eine Windmühle zu machen, ein anderer zog ein astronomisches Observatorium vor.

Warum die meisten Recklinghäuser den Quadenturm als Wahrzeichen erhalten wollten, darüber kann man heute nur spekulieren.
Es war vor allem der Zeitgeist der Spätromantik. Alte Festungen waren einfach „in“.
Vielleicht symbolisierte der Turm auch die reichspolitische Wichtigkeit, die Recklinghausen einst innehatte. Als Recklinghausen mit Köln und Dortmund in einem Atemzug genannt wurde. Auf dem Vestischen Höhenrücken (Westerholter Straße) fanden entscheidende Schlachten statt. Spätere Angriffe auf Recklinghausen fanden fast ausschließlich am heutigen Herzogswall statt. Da wird der Turm stets eine Rolle gespielt haben.

Der Name Quaden, der nach dem Mitteldeutschen Wörterbuch von 1875 Bösewichter bedeutet, kann es nicht gewesen sein. Vielleicht sorgte er auch als ehemaliger Hexenturm für wohligen Schauer. In dem Turm fanden schließlich auch Hexenprozesse statt, zum Beispiel 1650 gegen Trine Plumpe, die, was damals selten genug war, das peinliche Verhör überstanden hatte und „nur“ am Kak (Recklinghäuser Pranger) zur Schau gestellt und anschließend des Landes verwiesen wurde.
Vielleicht wirkte auch alles zusammen. Bestimmt wirkte er auf die Durchreisenden bedrohlich, die die Handelsstraße über Stein und –Lohtor, nach entrichten des Zolls, weiter ins Münsterland reisten.

Das Ende des Turms verlief eher kühl: 1864 wurde er für 525 Taler an einem Eisenbahnunternehmen verkauft, das den Turm 1868 abtragen ließ.
Die Steine wurden für den Eisenbahnbrückenbau am Kunibertitor verwendet. Den Platz am Herzogswall kaufte die jüdische Gemeinde und errichtete hier ihre erste Synagoge. Später, als die Synagoge zur Limperstraße umzog, kaufte die Stadt das Grundstück zurück.
Die Eisenbahnbrücke musste in der Zwischenzeit für den zunehmenden Schienenverkehr vergrößert werden, die alten Steine des Quadenturms standen also wieder zur freien Verfügung.
1909, beim Bau des Feuerwehrdepots am Herzogswall, erinnerte man sich wieder an sie. Die Steine wurden mit im Schlauchturm verbaut, sodass der Wunsch der Recklinghäuser 48 Jahre später indirekt in Erfüllung ging. Zufrieden damit wären sie wahrscheinlich nicht gewesen.



Nur ein Trugbild: Auf diesem Gemälde
von Clemens Wolter ist der Quadenturm
viel zu klein dargestellt, siehe Vergleichsgrafik.


INFO
Ganz im Zeitgeist des Heroismus wurde 1938 ein neuer halbherziger Versuch gestartet, dem Quadenturm die einstige Würde zurückzugeben.
Knapp 100 Meter weiter nördlich bauten die Nazis einen neuen Quadenturm, der höchstwahrscheinlich nur ein verzerrtes und albernes Spiegelbild seines majestätischen Vorbildes war. Dort fand die Hitlerjugend ihre Heimat.

Später wohnte und arbeitete hier der Maler und „Junger Westen“ Mitbegründer Thomas Grochowiak. Auch dieser Turm wurde für den Plan der späteren Tiefgarage an der Augustinessenstraße abgerissen.



Feuerwehrübung im Jahr 1939: Im Hinter-
grund der Quadenturm-Nachbau.




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