Das Vest Recklinghausen vor Beginn der Saga

Recklinghausen nach einem Kupferstich von Wenzel Hollar aus dem Jahre 1643

Der Raum zwischen Lippe und Emscher wurde lange Zeit von Kelten bewohnt, die nach und nach um 700 v. Chr. von den Germanen auf die linke Rheinseite vertrieben wurden. Die Sugambrer, die später hier sesshaft wurden, verfügten über robustere Pflüge als die Kelten, mit denen sie auch die lehmigen Böden beackern konnten, während die Kelten für den Ackerbau mit ihren leichten Geräten nur die sandigen Böden des späteren Vestes bearbeiten konnten. Das friedliche Leben der Sugambrer erfuhr durch den Einmarsch der Römer im Jahre 55 v. Chr. ein jähes Ende.
Es ist anzunehmen, dass die Römer nur deswegen in germanisches Gebiet vorgedrungen sind, weil zuvor ihr Territorium von Sugambrern plündernd heimgesucht wurde. Die Römer waren weniger hier um ihr Reich zu vergrößern, sondern eher um die Germanen in ihre Schranken zu weisen. 
Durch den Freiheitsdrang der Sugambrer und schließlich durch eine List der Römer verschwanden sie wieder aus der Gegend des Vestes. Der von den Römern gehasste Stamm wurde zerschlagen. Vereinzelte Splittergruppen kämpften jedoch als Guerillakrieger wahrscheinlich von Holland aus weiter und trugen damit nicht unwesentlich zum Untergang des Römischen Reiches bei. 
Das Römerlager in Haltern wurde nach der Varusschlacht von Germanen vernichtet. Bis es dazu kam, war die Gegend zwischen Lippe und Emscher so gut wie ausgestorben. Erst nach Verschwinden der Römer bezog ein anderer Stamm das fruchtbare Land. Die Brukterer. 

Das Vest Recklinghausen ist aus einem ehemaligen Brukterer-Gau entstanden. Der Name Brukterer leitet sich höchstwahrscheinlich von Bruchland ab, Land, das meist aus Sümpfen und vereinzelten Wäldern bestand. Die Brukterer haben wesentlich zur Varusschlacht beigetragen. Seit dem 3. Jahrhundert waren sie mit dem Stamm der Franken verbündet. Die Brukterer hatten ihren Thingplatz in der Nähe des Ossenberges. Die Flurnamen, wie Hinsberg (von Hundertschaft), Ossenberg (Os = germ. Gott. Ossen = Götter), sprechen dafür. Anhand der Größe einer Hundertschaft und deren Familien lässt sich der Freiraum ermessen, den jede Familie für sich in Anspruch nehmen durfte. Jeder besaß genug Land, wer rodete, bekam Land dazu. Sie schufen Bauernverbände, aus denen schließlich Dörfer wurden. 
Das Römische Reich war zerschlagen, ihr neuer Feind kam diesmal aus dem Norden. Die Sachsen. Während sich die Brukterer von den verbündeten Franken christianisieren ließen, rotteten sich die alten Germanenstämme im Norden mit den Sachsen zusammen und griffen das Gebiet zwischen den beiden Flüssen unablässig an. In dieser Zeit ist die Volksburg in Marl-Sinsen entstanden, eine Fliehburg, die das gesamte Volk des Gaus aufnehmen konnte. 
Schließlich eroberten die Sachsen den Brukterergau und stießen weiter gen Süden vor, dort bauten sie die Zwingburg Hohensyburg, die später im Wechsel von beiden Stämmen, Sachsen und Franken, erobert und zurückerobert wurde. Sächsische Edelleute gründeten im Brukterergau Oberhöfe, zu denen wiederum durch ein Losverfahren gewählte Unterhöfe gehörten. Aus den ehemals freien Brukterern wurden Halbfreie, Liten genannt. Das Verfahren per Los machte für die Besatzer insofern Sinn, dass die Hofgemeinschaften der Brukterer durcheinander gewürfelt und dadurch die Zersiedelungen geschwächt wurden. Die Bauern der Unterhöfe mussten für ihre neuen Herrscher Abgaben und Frondienste leisten. 
Die darauf folgenden Sachsenkriege machten aus dem zukünftigen Vest eine Pufferzone. Nachdem Karl der Große das heutige Vest erobert hatte, machte er aus den Oberhöfen der Sachsen Königshöfe und später Reichshöfe, von denen aus das eroberte Gebiet gesichert werden sollte. Die wichtigste Route vom Rhein zur Weser war der Hellweg, der von der Lippestraße und der Ruhrstraße mit ihren Reichshöfen flankiert und damit gesichert wurde. Den Reichshof Recklinghausen, der später zur Burg anwuchs und anfangs Trottenburg hieß, kann man heute als Grundstock für die spätere Stadt Recklinghausen sehen. Ihre strategisch wichtige Lage machte sie schließlich zur Hauptstadt des Vestes.

Horneburg und Horst
Horneburg und Horst waren im Mittelalter wichtige Wasserburgen im Vest. Jeder, der die Vestische Landstraße benutzen wollte, musste sie passieren. Die Horneburg war das östliche und Burg Horst das südliche Tor zum Vest.

In Zeiten ständiger Kriege waren sie strategisch günstig gelegene Brückenköpfe. Horneburg versperrte den schmalen Durchlass zwischen dem Sumpfgebiet an der Emscher und dem hügeligen Ödland in der Haard, Burg Horst den wichtigsten Emscher-Übergang.
Der Kurfürst von Köln hatte größtes Interesse, die beiden Burgen entweder selber zu besitzen oder sie wenigstens in Händen getreuer Gefolgsleute zu wissen. Aber auch für die Reichsmachthaber, den Kaiser und die mächtigen Reichsfürsten, waren Horneburg und Horst wertvolle Objekte. Hieraus erfolgte der Wettbewerb zwischen Kaiser und Kurfürst um die beiden Burgen.
Der Kurfürst ließ 1236 Recklinghausen, nun zur Stadt geworden, zum Bollwerk gegen die kaiserlich befreundete Horneburg ausbauen. Außerdem nutzte der Kurfürst eine momentane Schwäche des Kaisers, um an den von Horst gegenüberliegenden Lippe-Übergang eine neue Stadt zu bauen. Ein weiterer Schachzug des Kurfürsten, mit dieser Stadt versperrte er dem Kaiser den Weg zur Lippe. Dorsten, so hieß die neue Stadt, bekam 1251 die Stadtrechte.
1276 sollte Ritter Arnold von Horst für seine kaiserliche Treue belohnt werden. König Rudolf von Habsburg verlieh ihm das Recht zu Errichtung einer Stadt mit Dortmunder Stadtrechten. Doch über 100 Jahre später fiel das Vest ausschließlich dem Kurfürstentum zu. Für die Herren von Horst endete die Sache gut, sie wurden später für ihren Wechsel zum Kurfürstentum fürstlich entlohnt, während die Herren von Oer ihre Burg verloren. Wegen der Nähe der Horneburg zu Recklinghausen und der Unberechenbarkeit derer von Oer war die Eroberung der Burg für den derzeit herrschenden Kurfürsten eine zwingende Notwendigkeit. Danach wurde das Vest weitere 400 Jahre vom kurkölnischen Krummstab regiert, insgesamt 1000 Jahre! Damals wie heute bildete das Vest zwischen Rheinland und Westfalen eine Brücke, früher für strategische Zwecke, heute dient sie dem kulturellen Austausch.
Obwohl die Bewohner eingefleischte Westfalen waren, orientierten sie sich ständig Richtung Westen.
Lange vor Karl dem Großen gehörte, durch die frühe Christianisierung englischer Mönche, das Brukterer-Land zur Diözese Köln, worauf die Bewohner des Vestes sehr stolz waren. Noch in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts fuhr man ins Kölnische, wenn man das Vest besuchte.
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